BZ-Leitartikel: Volker, hör die Signale!
5. Mai 2007, 15:56 Uhr
Ganze hundert Menschen demonstrierten gegen die Kürzungen im Freiburger Sozialetat. Papst oder auch Volker Finke wollen viel mehr sein; die gleichnamige Bürgerinitiative zählt bereits dreitausend Anhänger, unter ihnen ein sturm-erprobter Nobelpreisträger. Ein Riss geht durch Stadion und Stadt, quer durch Ultra-Fanblock und die Haupttribüne der ewigen Nörgler. Wie beim letzten Bürgerentscheid droht offenbar wieder die unfreundliche Übernahme einer Institution. Diesmal sind es freilich nicht fremde Heuschrecken, sondern einheimische Königsmörder, die Gerechtigkeit und Kultur mit Füßen treten: Kurz vor seinem ultimativen Triumph soll das Denkmal Finke pietätlos geschleift, von Hobbyfunktionären verjagt, sein “Konzept” durch einen drittklassigen Trainer, zweitklassige Ziele, kurz: den Rücksturz in die triste Normalität abgelöst werden. “Das Land schaut auf diese Stadt” , orgelt die Finke-Fraktion, “wir können Geschichte schreiben” . Die Frage ist nur, womit und wozu.
Die Entscheidung, den Trainer zum Saisonende zu entlassen, war – sportlich und im Nachhinein betrachtet – vermutlich doppelt falsch. Aber darum geht es jetzt nicht mehr. Die “größte badische Tragödie seit Kaspar Hauser” (Matthias Deutschmann) hat längst eine fatale Eigendynamik gewonnen. Es geht nicht mehr um Fußball, sondern, wie so oft im Fußball, um alles. In Freiburg also um das berühmt-berüchtigte “Lebensgefühl” , bei dem bekanntlich badische Gemütlichkeit und grünalternatives Gutmenschentum zusammenfließen wie Gutedel und Sprudel im Schorle und man nie so recht weiß, was provinziell verhockt, ideologisch verstockt oder einfach liebenswert ist. Draußen lauert Ungemach, Umweltschmutz, Bayern München; umso mehr müssen wir auf Konsens, Kontinuität und Nachhaltigkeit achten: So wird konservative Besitzstandswahrung als symbadisches Anderssein, das Behagen im Idyll als Weltethos ausgegeben, und am Ende steht auch im Gemeinderat eine schwarzgrüne Koalition.
Volker Finke trat vor unvordenklichen Zeiten an, diese selbstzufriedene Mentalität aufzubrechen. Er hat den SC Freiburg spielerisch, strukturell und personell erneuert – so gründlich, dass er am Ende Opfer dieser Modernisierung wurde. Einmal raffte sich der sonst eher biedere Vorstand auf, sich von sechzehnjähriger fürsorglicher Betreuung zu emanzipieren und wie ein normaler Bundesligaverein zu verhalten, bei dem im Misserfolg alte Verdienste nun mal nicht zählen. Und schon ging es schief, soll heißen: in der Rückrunde sensationell gut. Inzwischen bereut Achim Stocker seine Courage womöglich, aber zur Umkehr ist es zu spät.
Not täte jetzt ein unaufgeregter Pragmatismus, um die Trennung ohne Rosenkriege und Scheidungswaisen abzuwickeln. Aber danach sieht es, trotz zuletzt leichter Entspannung, nicht aus. Der Vorstand eiert hin und her zwischen Selbstzerknirschung und Durchhalteparolen, Gesprächsangeboten und Drohgebärden. Finke schweigt und genießt, wieder einmal Recht behalten zu haben. Man kann ihm das nicht verdenken. Aber er könnte nicht nur mit einem Aufstieg einen starken Abgang hinlegen, sondern sich auch, wie einst Oliver Kahn vor der WM, mit einer souveränen Geste, einem versöhnlichen Wort unsterblich machen.
Auch die “Wir-sind-Finke” -Bewegung sitzt in der Falle: Man will niemand ein Haar krümmen, schon gar nicht dem Präsidenten; aber die drohende “Entfinkisierung” kann nur noch der Umsturz aller Verhältnisse verhindern. Der Protest kommt zu spät, um glaubwürdig zu sein, und man weiß nicht so recht, ob die Finkianer nur mitreden, Aufstand spielen oder die Uhr im Ernst zurückdrehen wollen. Je vager das Ziel, desto wütender kopieren sie die Rituale von gestern und führen in alten Kulissen und Kostümen noch einmal geschlagene Schlachten und Stellvertreterkriege auf. Als sei das Badenerlied die Internationale und Fritz Keller der Diktator vom Kaiserstuhl, basteln Veteranen der Bewegung Flugblätter, Transparente, revolutionäre Losungen und Dolchstoßlegenden: Volker, hör die Signale, auf zum letzten Gefecht! Finke hat die Freiburger Linke mit dem bezahlten Fußball versöhnt. Jetzt muss er dafür büßen, und es hilft ihm nichts, dass er sich immer gegen linke SC-Mythen verwahrte. Man hat es nicht leicht als Projektionsfläche für verlorene Utopien und verschlissene Feindbilder.
Martin Halter


am 6. Mai 2007 um 22:06 Uhr.
Na, da haben wir sie ja wieder, die vom SC-Vorstand ebenso gerne wie von den BZ-Kommentatoren benutzte Floskel: “Aber zur Umkehr ist es zu spät”. In diesem Fall in viel Redundanz verpackt. Finke wird dabei in ein rot-grünes Schimmer-Schummerlicht getaucht: der an sich selbst gescheiterte Revoluzzer, Weltverbesserer. Das sind unsinnige Ablenkungsmanöver, die der Sache in keiner Weise dienen und billige Klischees bedienen. Denn es geht hierbei nicht darum, ob Finke Welt verbessern will, sondern darum, dass er den Freiburger Fußball verbessert hat: Und zwar so gründlich und nachhaltig, dass ganz Deutschland daüber spricht. Positiv, anerkennend. Jetzt droht eine winterliche Panikentscheidung (schließlich wurde die Enscheidung aus “blanker Angst” getroffen und Angst löst nun mal Panik aus) und das starrköpfige Festhalten daran diese Nachhaltigkeit massiv zu erschüttern und zeigt zudem noch deutlich, dass es dem Großteil der Finke-Gegner (ich spreche nicht von Finke-Kritikern) gar nicht um Fußball, sondern um Brunnenvergiften und das Ausleben wirrer Gesinnungen geht. Da kann man doch nicht einfach zur Tagesordnung übergehen?!
Die Rücknahme falscher oder laut Kommentar sogar “doppelt falscher” Entscheidungen ist in der Politik, Wirtschaft und auch überall sonst problemlos und meist auch ohne Gesichtsverlust möglich. Nur beim SC Freiburg gilt dieses Zeichen der Stärke offenbar als Beweis eigener Schwäche. Der Kommentator garniert seinen Aufruf zur bedingungslosen Kapitulation (um seine kämpferische Sprache zu benutzen) vor den auch aus seiner Sicht falschen Vorstandsentscheidungen mit der bewusst-losen Unterstellung an die WsF-Initiative , nicht glaubwürdig zu sein, weil man zu spät protestiert habe. Erst die Unglaubwürdigkeit des Vorstands, sich einen Dreck um gegebene Zusagen bezüglich Trainerauswahl, Einbindung Finkes, Aufnahme von Mitgliedern etc zu kümmern, hat doch vielen klar werden lassen, dass das SC-Schiff auf Grund zu laufen droht und deshalb mit gemeinsamen Anstrengungen das Steuer rumgerissen werden muss.
Noch ist dazu die Chance. Man muss sie nur nutzen wollen….
Zitat
am 6. Mai 2007 um 22:15 Uhr.
Ihr Kommentar hat niemanden vom Hocker gerissen, was die Null-Reaktion der Bloger deutlich belegt. Liegt das möglicherweisen daran, dass die BZ einfach nicht den Mut aufbringt, klar Stelluung zu beziehen, sondern sich so mehr schlecht als recht einfallslos durch diese wirre Geschichte durchwurstelt? Zugegeben, wenn Sie sich gegen Finke ausprechen würden, wäre ich die längste Zeit BZ-Leser gewesen. Klar doch, Sie sind in einer schwierigen Situation und Sie haben gewiss mehr Einblick in den Wirrwar als ich. Aber BZler: Dutt, der noch nichts, aber auch gar nichts erreicht hat mit seinen Stuttgarter Kickers auszutauschen gegen einen VF, einen der profiliertesten Trainer Deuschlands. Das ist doch schlichtweg ein Witz. Allein das sollten sie deutlich machen. Haben sie den Mut. Oder ist es für einen Sportredakteur das Höchste, künftig über Spiele der Regionaliga mit dem SC berichten zu müssen? Kann ich mir nicht vortstellen. Und noch eine Frage an die BZ: wer ist eigentlich auf diesen Dutt (den ich nicht kenne und gegen den ich menschlich überhaupt nichts habe) eigentlich gekommen? Haben sich diese Kontakte möglicherweise bei einem Viertele – oder mehreren in Kellers Schwarzen Adler in Oberbergen angebahnt. Es sind Vermutungen, die nicht stimmen müssen. Klären sie mich auf. Am besten in einen BZ-Beitrag. Dafür interessieren sie viele. Aber ich befürchte, dieses heiße Eisen ist für die BZ zu heiß. Oder sollte ich mich da irren? Ich würde es gerne
Herzliche Grüße Klaus Schneidewind, Bad Säckingen, Telefon 07761/2417
Zitat
am 6. Mai 2007 um 22:51 Uhr.
Also, liebe Bloger,
ich, mittlerweile 66 Jahre alt, der sich erstmals seit Monaten an einer solchen Diskussion im Internet beteiligt (übrigens als vorbehaltloser Finke –Fan), wundere mich mittlerweile, dass fast alle ihre Meinung anonym äußern. Auch ich (-ind) habe das bislang fast immer getan. Nur, warum eigentlich? Schließlich sollte jeder zu seiner Meinung mit seinem Namen stehen, so wie es eigentlich selbstverständlich ist. Ich jedenfalls werde es künftig tun.
Herzlich Grüße Klaus Schneidewind, Schillerstraße 7, 79713 Bad Säckingen, Telefon 07761/2417
Zitat
am 6. Mai 2007 um 23:20 Uhr.
Das übliche Rumgeeiere des Martin Halter: Von der Logik und nicht nur von ihr her ist klar, wer hier Konsequenzen zu ziehen hätte (”Die Entscheidung, den Trainer zum Saisonende zu entlassen, war – sportlich und im Nachhinein betrachtet – vermutlich doppelt falsch”, “Inzwischen bereut Achim Stocker seine Courage womöglich”, “Finke schweigt und genießt, wieder einmal Recht behalten zu haben”), aber vom Standpunkt der Macht aus sieht das anders aus, also fordert man als nicht nur guter, sondern sehr guter (man schlägt zunächst die Seite, der man dann den Siegerkranz reicht) Opportu, Verzeihung, muß natürlich, ganz zeitgemäß, “unaufgeregter Pragmatiker” heißen, daß der einlenken möge, der Recht und recht hat. Im übrigen verdankt sich die Behauptung, Herr Finke werde als Projektionsfläche linker Mythen benutzt, nichts anderem als einer Projektion des Autors; denn, wo bitte, unterschieden sich die lokalen Argumente gegen die Vorstandsentscheidung von denen, die dem bundesweiten Kopfschütteln zugrundeliegen? Nein, es geht nach wie vor um Fußball. Daß man deswegen kämpfen kann, mag ja manchem unvorstellbar sein. Aber gerade dies (also letzteres) ist – man frage nur die Leute in Gelsenkirchen oder Hamburg – eher symbadisch.
Zitat
am 7. Mai 2007 um 00:10 Uhr.
Sehr geehrter Herr Martin Halter,
Darf ich mir aus Ihrem Essay EINEN SATZ herausnehmen:
Sie schreiben:” Die Entscheidung, den Trainer zum Saisonende zu entlassen, war- sportlich und im Nachhinein betrachtet- vermutlich doppelt falsch.”
Ich finde dies fair zuzugeben, da die BZ in den vergangenen Wochen doch in ihrer Berichterstattung auf Seiten des nun an Boden verlierenden Vorstands weilte.
Jetzt, da der Vorstand Probleme bekommt, weil eine MV ansteht, und er nicht weiß, ob er lieber vorher nachgeben oder hinterher mit tosenden Fahnen (wie Männer eben) untergehen will, da werfen Sie der WSF vor, dass diese Gruppe auch nicht weiß, was sie will. Ich gehöre nicht zu WSF, aber ich sympathisiere mit ihnen, wie Tausend andere. Sie, Herr Halter, wollen schnelle Entscheidungen, die dann durchgezogen werden müssen, damit kein schwaches Bild in der Öffentlichkeit entsteht. Was für ein demokratisches Verständnis! WSF setzt auf ernstzunehmende, sachliche Gespräche, weil sie z.B. die Verdienste des Vorstands und Herrn Stocker achten. Eben noch Finke im swr: “Es ist doch positiv, dass WSF gerade nicht, wie in vielen anderen Vereinen “Vorstand raus” grölt, sondern die konkrete Auseinandersetzung.”
Ihnen fällt bei der Bewertung hierbei nur “distanzierende” Ironie ein. Schade. Sie machen sich spöttelnd lustig, über WSF und jetzt, da die Macht des Vorstands bröckelt, auch über den Vorstand. Schade.
Zitat
am 7. Mai 2007 um 00:16 Uhr.
Geschätzter BZ-Kolumnist,
eine Geste, wie die Kahns gegenüber Lehmann zu postulieren von Volker Finke gegenüber Robin Dutt. Also bitte! Also bitte!
Zitat
am 7. Mai 2007 um 01:38 Uhr.
@Badische-Zeitung
Wenn es eine neue Situation gibt, wenn Leute, die in der Verantwortung sind, irgendetwas ändern würden, dann würde ich darüber nachdenken”, erklärte der 59 Jahre alte Finke in einem Interview bei SWR4-Radio Südbaden auf die Frage, ob er sich ein Bleiben doch vorstellen könne. (dpa)
Finke hat die Antwort gegeben. Er bleibt uns treu, und wir bleiben ihm treu. Der Vorstand kann gehn und ein Weg kann beschritten werden das Konzept “SC Freiburg (Finke)” auch für die “Nach-Finke Ära” zu retten. Und hört endlich auf, so offen Pro
Keller/Breit zu sein!
Zitat
am 7. Mai 2007 um 18:39 Uhr.
Allein der Teaser fuer diesen Blog auf der BZ-Einstiegsseite spricht fuer sich selbst:
“BZ-Blog: Meinungsaustausch zum SC Freiburg
Die Diskussionen gehen weiter: Der SC Freiburg hat im Kampf um den Aufstieg in die Fußball-Bundesliga an Boden verloren …”
Der SC hat an Boden verloren? Wie kann man das sagen, nachdem der SC zwar gepatzt hat, aber die Mitaufstiegsaspiranten ebenso? OK, Duisburg kann nachher noch gewinnen – wenn die Redakteure der BZ das wirklich schon wussten als sie den Text verfassten, gibt es nur zwei Moeglichkeiten:
1.) Hellseherei
2.) Schiebung
Zitat
am 7. Mai 2007 um 21:58 Uhr.
Zur BZ Kolummne
Wieso zu spät?
Selbst erkennt der Leitartikler: Doppelt falsch.
Die Umkehr dennoch zu spät.
Lieber Augen zu und durch?
Weshalb? Ohne Not!
Kein Mensch versteht das .
Konsequenz ist o.k, aber nicht um ihrer selbst willen.
Schlagwörete und Worthülsen wohin ich blicke: Normaler Bundesligaverein, will der SC das sein?
Gerade weil er es nicht ist, hat er außerhalb Freiburgs soviele Fans und Anhänger.
Was ist schlimm am Plakate kleben?
Stellvertreterkriege? Wo sind wir denn!?
Klasse Fußball hat er nach Freiburg gebracht.
Ich erinnere mich an die 80iger, als ich in Freiburg als Badener studierte, lockte der SC 5000 Freibeurger, auch Linke, aus den Häusern. Heute kommen sie aus ganz Baden sowieso und zudem aus ganz Deutschland.
Und Versöhnung der Linken mit dem Fußball, was soll denn das?
Eine Spur zu abgehoben fällt mir da nur ein und in der Sache schön zu lesen, aber bei näherem Nachdenken??
Die Linken gucken eben genauso wie die anderen, die Grünen und die Schwarzen etc. pp. guten Fußball.
Letztes Gefecht? Von Wegen. Jetzt geht es erst los.
Udo
Zitat
am 7. Mai 2007 um 22:13 Uhr.
Zudiesemhämischironischsüffisantbeschissenem Kommentarsageichgarnichtsaußerdiesemeinem Wortdasichhiergeschriebenhabeundvielesehendas wohlauchsobravo!
Zitat
am 7. Mai 2007 um 23:17 Uhr.
ichhiergeschriebenhabeundvielesehendaswohlauchso…….bravo!
Zitat
am 8. Mai 2007 um 02:27 Uhr.
Ein sehr seltsamer Beitrag – einerseits monieren, dass die Entscheidung falsch war (sie ist es immer noch), andererseits fordern, dass man die Trennung “abwickeln” muss, also an der falschen Entscheidung festhalten soll. Offensichtlich will man’s wieder allen recht machen und jedem Leser ein paar Brosamen hinwerfen. Nee, kein seltsamer Beitrag, sondern ein wirklich schlechter. Ein Kommentar soll doch eine Meinung wagen, aber der hier eiert nur hin und her.
Zitat