Essay: Brauchen wir eine Kulturflatrate?

Illegale Downloads machen nicht nur der Plattenindustrie das Leben schwer. Mit Musik und anderen Inhalten lässt sich nur schwer Geld im Netz verdienen. Brauchen wir eine Kultur-Flatrate, fragt BZ-Redakteur Thomas Steiner. Was meinen Sie?

Am Donnerstag traten der Geschäftsführer des Bundesverbandes Musikindustrie, Stefan Michalk, und der Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Alexander Skipis, gemeinsam vor die Presse. Ihr Anliegen: das illegale Kopieren und Tauschen ihrer Produkte per Internet. Mehr Maßnahmen gegen das ungesetzliche Herunterladen forderten sie und kanzelten Justizministerin Brigitte Zypries (SPD) ab, die in der Frage komplett versage. Anlass des Auftritts: Am Sonntag ist der Welttag des geistigen Eigentums. Von der Unesco angeregt, war der im Jahr 2000 erstmals ausgerufen worden, um den Wert von Kreativität und geistigem Eigentum zu propagieren.

Den beiden Geschäftsführern ging es aber weniger um Werte als um Zahlen. Auf 300 Millionen schätzt Michalk die Zahl illegaler Downloads von Musik im vergangenen Jahr. Legal digital verkauft wurden nur rund 49 Millionen Stücke und Alben. Den Unterschied zwischen den Zahlen macht die Musikindustrie verantwortlich für den Rückgang ihrer CD-Verkäufe um ein Drittel in den vergangenen zehn Jahren.Wer Musik illegal herunterlädt, so ihre Schlussfolgerung, kauft sie nicht.

Auch Skipis wartete mit Horrorziffern auf: Die Hälfte aller Downloads von Hörbüchern aus dem Netz seien illegal. Allein die Harry-Potter-Hörbücher seien bei einer Viertelmillion Adressen im Netz kostenlos zu bekommen. Noch ist die Buchbranche von der Digitalisierung nicht so stark betroffen wie die Musikbranche. Aber die Betreiber der Suchmaschine Google lassen derzeit Millionen Bücher einscannen, um sie im Netz zur Verfügung zu stellen. Mehr als 1300 deutsche Wissenschaftler, Künstler und Autoren haben das in dieser Woche mit ihrer Unterschrift unter einen “Heidelberger Appell” kritisiert: Geistiges Eigentum werde durch Google-Books in ungeahntem Umfang entwendet. Die Bundesregierung müsse eingreifen.

Wieder der Ruf nach dem starken Staat. Er soll helfen, weil das Geschäftsmodell der Kulturindustrie – Produzenten von Filmen und Computerspielen inklusive – vom Internet untergraben wird. Anfangs hatte die Musikindustrie die Tauschbörsen ignoriert, jetzt verfolgt sie die Nutzer. Bei den Staatsanwaltschaften gehen massenweise Anzeigen ein. Durch die Ermittlungen wollen die Konzerne an die Adressen von Download-Anbietern, um Schadenersatz zu fordern. Einige Staatsanwälte verweigern die Hilfsdienste schon.

Und es stellt sich die Frage, ob dieser Weg der richtige ist. Auch wenn gelegentlich spektakuläre Urteile wie das gegen die schwedischen Betreiber der Tauschbörse “Pirate Bay” ergehen – der Kampf gegen die illegalen Downloads ist nicht zu gewinnen. Es sei denn von einem Überwachungsstaat. Er ist auch Ausdruck bloßer Verteidigung alter Besitzstände. Am liebsten würden die Download-Bekämpfer zurück in die Zeit vor dem Internet. Sie denken rückwärts statt vorwärts.

Wo es mit dem Internet hingehen könnte, dafür gibt es Szenarien. Auf der einen Seite von Optimisten wie Eben Moglen, Professor der Columbia Law School: Er fordert in seinem “dot.kommunistischen Manifest”, alle Formen des geistigen Eigentums aufzugeben. Nur so könne der Mensch im Internet-Zeitalter befreit werden. Auf der anderen Seite die Pessimisten: Gisela Schmalz, Kölner Professorin für Medienökonomie, sieht eine Gratisökonomie im Netz vorherrschen, weil Inhalte nur getauscht oder gar verschenkt, aber nicht gehandelt werden. In dieser “No Economy” (so der Titel ihres Buches) könnten auf Dauer nur Monopolisten existieren, die mit Umsonst-Inhalten Massen von Nutzern anlockten, deren Daten sie an die Werbewirtschaft verkauften. Keine Überlebenschance für eine Kulturindustrie, die Geld erlösen muss.
Wo ist der Weg zwischen Utopia und Apokalypse? Vielleicht wäre die so genannte “Kultur-Flatrate” einer, wie sie der Harvard-Professor Urs Gasser oder auch die Grünen-Fraktion im Bundestag vorschlagen. Die Idee: Jeder, der einen Internet-Anschluss hat, bezahlt eine Abgabe. Dafür ist der Austausch von Inhalten im Netz frei. Der Erlös der Abgabe wird an die Inhaber der Urheberrechte ausgeschüttet, an Buch- und Musikverlage etwa. Je nach Zahl der Downloads gibt es mehr oder weniger Geld.

Verwalten könnte das die Verwertungsgesellschaft Gema, die bislang vor allem Gebühren für die Nutzung von urheberrechtlich geschützter Musik eintreibt und weitergibt. Sie hat gerade vorgestern beklagt, wie wenig Geld sie aus Online-Kanälen bekommt: Nicht einmal ein Prozent ihrer Einnahmen kommen aus dem Digitalgeschäft. Also fließt auch fast nichts an die Urheber. Wie eine künftige Kultur-Flatrate so zu verteilen wäre, dass das Verfahren für die Nutznießer transparent ist, bliebe noch zu diskutieren. Bei der Gema gibt es da bisher massive Klagen. Aber lieber bürokratischer Aufwand als kein Erlös für die Kulturschaffenden.

Eine Kultur-Flatrate wird nicht einhellig begrüßt. Die französische Verwertungsgesellschaft Sacem sprach von einer Sowjetisierung der kulturellen Inhalte im Netz. Ins selbe Horn stößt der Börsenvereins-Geschäftsführer Skipis: “Honorar- und Erwerbsmodelle für Kulturschaffende fallen weg. Man sollte deshalb ehrlicherweise nicht von ,Kultur-Flatrate’, sondern von ,content communism’ sprechen.” Die Enteignung der Urheber hat aber längst stattgefunden.

Um sie rückgängig zu machen, wäre eine Einschränkung des Rechts am geistigen Eigentum durchaus zulässig, urteilte kürzlich der Kasseler Medienrechts-Professor Alexander Roßnagel in einem Gutachten für die Grünen. Auf der anderen Seite die Nutzer zu einer Zwangsabgabe zu verpflichten – dafür gibt es längst ein Modell: die Rundfunk- und Fernsehgebühren. Auch hier wird Geld eingefordert, mit dem allgemein zugängliche Inhalte finanziert werden. Und die Radio- und Fernsehnutzer – schwarze Schafe ausgenommen – akzeptieren das. Warum sollte es im Netz nicht so sein?


5 Kommentare zu “Essay: Brauchen wir eine Kulturflatrate?”

  1. Sonic

    “schwarze Schafe ausgenommen” – Wir zahlen die Rundfunkgebühren für eine Minderheit der Sender. Die vorgeschlagene Gebühr soll nach Anzahl der Downloads erfolgen – Wie wäre es die Rundfunkgebühren nach Einschaltquote zu verteilen? Oder besser – wer kein ÖR TV schaut muss auch nicht dafür zahlen?
    RundFUNKgebühren muss man im Übrigen auch schon heute für einen Internetzugang bezahlen – zumindest wenn man kein “schwarzes Schaf” ist.
    MÄÄÄÄÄÄÄÄH

  2. Olaf Eggert

    Ich habe heute mit einiger Empörung den Artikel der Badischen Zeitung gelesen : Kulturkampf im Netz. Er ist mit Unterstellungen und Annahmen gespickt. Im Gegensatz zu Ihnen masse ich mir jedoch nicht an, stellvertretend für meine Mitbürger zu sprechen und beschränke mich auf die letzte Unterstellung Ihres Artikels. Ich in meiner Eigenschaft als Bundesbürger bin mit der Rundfunkgebühr in gar keiner Weise einverstanden. Ich lehne es ab, zwangsweise dafür eingespannt zu werden, die Müllproduktionen der Öffentlich-Rechtlichen Langweiler finanziell mit zu tragen. Es fragt mich nur niemand. Ich werde abgezockt. Und das von Leuten, die an Arroganz kaum zu übertreffen sind. Viele Sendungen, z.B. das literarische Quartett, hätte es nie gegeben, glücklicherweise, müssten sich diese selbst tragen. Aber so hat man ja den dummen Bundesbürger, der klaglos alles mit trägt. Auch die Badische “Zeitung” käme mir nicht ins Haus, wollte meine Frau nicht unbedingt über die lokalen Sonderangebote informiert sein. Zumindest in diesem Punkt hätte ich ja theoretisch die Möglichkeit, mich durchzusetzen und Ihre sog. “Zeitung” abzubestellen. Bei den Öffentlich-Langweiligen Anstalten habe ich diese Möglichkeit nicht. Also hören Sie endlich auf, den Bundesbürgern zu unterstellen, dass diese die Rundfunkgebühr akzeptieren.

  3. Bernhard Schindele

    Was soll das, Kultur-Flatrate? Da könnte man genauso eine Kaufhaus-Flatrate einführen. Jeder bezahlt einen bezahlbaren monatl. Betrag an den Einzelhandel, und jeder kann mitnehmen soviel er möchte. Alles Quatsch! Ich finde man sollte denjenigen die Filme, Musik, Hoerbuecher etc. ins Netz stellen um sie kostenlos downloaden zu koennen einen “Riegel” vorschieben. Wie man das bei der Kinderpornographie auch gemacht hat. Das war schon sehr lange überfällig und wurde nun endlich in die Tat umgesetzt.
    Also liebe Politiker, auf, denkt mal darüber nach und verabschiedet ein neues Gesetz das den Betreibern solcher Plattformen das anbieten solcher kostenloser Downloads verboten wird.
    Der Einzelhandel setzt auch Detektive ein damit weniger geklaut wird.

  4. irotas

    @Bernhard Schindele
    Ich unterstelle Ihnen mal großzügig, dass Sie sich (noch) nicht richtig über das informiert haben, was Sie da fordern:
    Es gibt schon Gesetze die das geistige Eigentum schützen. Der Ruf nach immer mehr GEsetzen wird die Lage auch nicht verbessern. Die Betreiber von Seiten wie zB The Pirate Bay bieten selber gar keine Musik an, sonder bieten nur Files an die es Nutzern ermöglichen Musik zu tauschen. Ein feiner technischer Unteschied, der juristisch aber sicherlich nicht zu vernachlässigen ist.
    Seiten, wie zB rapidshare, bei denen man tatsächlich den ein oder anderen (von Nutzern hochgeladenen) Musikdownload finden kann, entfernen solche regelmäßig eben weil sie illegal sind.

    Auch wenn das nicht zum Thema Kulturflatrate gehört: Der Vergleich mit Kinderpornographie ist hier vollkommen fehl am Platz, oder wollen Sie ernsthaft Kinderpornographie und Urheberrechtsverletzungen auf eine Stufe stellen??
    Das von Frau von der Leyen initiierte Gesetz ermöglicht letzten Endes lediglich die Zensur des Internets durch das BKA/den Staat, aber wird leider keine Kinder vor Pädophilen schützen.

    lesenswerter Artikel zum Thema: http://netzwertig.com/2009/04/24/deutschland-degeneriert-in-ein-entwicklungsland-teil-1-von-3/

  5. Stanislav

    @Bernhard Schindele
    Hört sich ganz nach “Jetzt fahrt doch endlich mal zu Mond, mit dem Kanu! Da habt ihr ein Paddel und ein Segel. Damit sollte es doch möglich sein!”
    Leider ist das Internet nicht auf Misstrauen gebaut, sondern auf Vertrauen. Um Ihre Vorschläge um zu setzen, müsste man es neu erfinden.